Etwas Geschichte um das Schloss Müllberg

Luftaufnahme vom Müllberg.
Rechts unten am Waldrand der «Waldhof», östlich gelegen das Dorf Raperswilen und nördlich davon das Dorf Büren


Burg und Hof Müllberg, zwischen Raperswilen und Klingenberg gelegen, gehörten seit unbekannter Zeit dem Kloster Reichenau. Am 14. Februar 1348 verlieh Abt Eberhart von Brandis die Liegenschaft dem Ritter Albrecht von Klingenberg auf Klingenberg. Dieser verpfändete den Müllberg zusammen mit anderen Gütern seinen Töchtern aus der Ehe mit Margareta von Hornberg. Als er 1355 zum Sterben kam, ging das Lehen an seine Tochter Susanne und deren Gatten Hermann von Breitlandenberg über. Müllberg blieb bis 1798 mit der Herrschaft Klingenberg vereint.
Nach der Klingenberger Chronik wohnte auf der Burg Müllberg ein eigenes Rittergeschlecht. Trümmer der Burg haben sich bis ins 19.Jahrhundert erhalten. Indessen liegt ihre Geschichte im Dunkeln. Ein Eberlein von Müllberg, wohl ein Nachkomme der Ritter, wohnte 1348-1349 in Steckborn. Die Burg ist als Edelsitz erwähnt, über dessen Bewohner sind weder Namen bekannt noch aufgefunden worden.
Die Burg, dieses Erdwerk mit Ringgraben, ist erst in neuerer Zeit näher beschrieben worden. Karl Keller-Tarnuzzer schreibt in seinem Tagebuch vom ii. August 1922: «Hinter den Gärten von Müllberg, die im Richtung Müllberger Tobel liegen, ist ein befestigter Platz, der zu beachten ist. Es handelt sich um einen kreisrunden, in Nagelfluh ausgehauenen Graben, der sich gegen das Tobel hin öffnet.» Wie es scheint, ist die Stelle bis dahin wenig beachtet worden. Kantonsarchäologe Jost Bürgi schreibt in seiner Notiz vom 25. Juli 1985: «Von der Burg Müllberg sind noch ein kreisrunder Burghügel mit einer bebaubaren Fläche von 25 Meter Durchmesser



Skizze des Burghügels von Jost Bürgi, Kantonsarchäologe

und die Reste eines Grabens erhalten. Die Burginnenfläche ist gegenüber dem Hintergelände kaum erhöht, was auf eine frühe Gründung noch vor dem 12. Jahrhundert schliessen lässt. In späteren Zeiten sind die Burghügel meist höher als das Umgelände.» Auf dem Hügel und im Graben sind bis heute keine Untersuchungen ausgeführt worden.
Es ist aber anzunehmen, dass die ersten Gebäude auf dem Hügel aus Holz errichtet worden sind. Ob auf diesen Ausbau in Holz später ein Steinbau folgte, ist nicht bekannt. Zu meiner Schulzeit waren aber auf dem Burghügel noch Mauerreste vorhanden und ein Plättliboden war sichtbar.
Alfred Amstutz, erster Gutsverwalter des Gutsbetriebes Müllberg, liess um 1940 den Boden auf dem Hügel ausebnen und eine Beerenanlage anpflanzen. Sogar eine Brücke aus


Burghügel aus dem 10. bis 12. Jahrhundert mit den zerfallenen Kellereingängen

Holz wurde über den Graben erstellt. Im Felsenkeller wurde noch lange Obst und Gemüse eingelagert. Dieser Ort wurde «Paradiesli» genannt. Die Nutzung und Verschönerung des Burghügels dauerte nicht lange. Heute ist alles etwas verwildert. Ein Teil des Felsenkellers ist eingestürzt. Nur ein Mäuerchen nordseits auf dem Hügel ragt noch aus dem Boden.


Nahe Müllberg gibt es zwei Befestigungen

unterschiedlicher Zeitstellung


Die bekanntere Befestigung ist diejenige südwestlich von Müllberg am Gschmelltobel, die sogenannte «Heidenschanz». Dieses Refugium scheint aus der Hallstattzeit zu stammen, doch ermöglichten bisher keine Funde eine sichere Datierung. Es handelt sich um einen mehr oder weniger dreieckigen, westlich abfallenden Geländesporn von 210 Meter Länge. E r erstreckt sich bis die beiden Tobel sich vereinigen. Der Wall, der oben quer zwischen den beiden Tobel ein liegt, hat eine Länge von 60 Meter und ist bis zu 5 Meter hoch. Beidseitig hatte es Gräben, die heute längst zugedeckt sind.
Dieses Erdwerk ist seit langem bekannt und hat immer wieder zu Spekulationen Anlass gegeben. Früher hatte man angenommen, dass die Schanz etwa 500 Jahre vor Christus entstanden ist (Zeit der Hunnen). Beim Bau einer Waldstrasse T984 wurde der Wall angeschnitten. Es zeigte sich, wie im archäologischen Museum Frauenfeld ersichthch ist, dass sich in diesem Rest mehrere Vorgängerbauten erhalten hatten. Bei der ältesten Befestigung handelte es sich um eine einfache Palisadenreihe. Die nächstfolgende, eine Art Murus Galizus, hatte bereits eine Höhe von 2,5 Meter. Der immer gegen die feindselige Front angelegte Wall ist oben zwei Meter und am Fuss fünf Meter breit. Die Datierung der möglicherweise von einer Zerstörung herrührenden Holzkohleschicht ergab ein ungefähres Bau Datum um 400 Jahre nach Christus (Zeit der Kelten).
Rund 200 Jahre später wurde der Wall erhöht und verbreitert. Hinter diesem Wall ist bis in die heutige Zeit eine Geländeerhöhung von 40 cm mit einer Breite von zwei Meter und einer Länge von acht Meter sichtbar, was möglicherweise auf eine Grabreihe hindeutet. Bald aber wird nichts mehr zu sehen sein.



Befestigung aus der Bronzezeit

per Zufall entdeckt


Am Abbruch zum Tüfelstobel wurden Vor Jahren per Zufall die Überreste einer kleinen Befestigung samt Spuren eines Walls und Grabens entdeckt. Die ganze Innenfläche misst 40 auf 40 Meter. Auch hier wurden bis anhin keine Grabungen durchgeführt. Gefunden hat man hingegen ein Stück spätbronzezeitlicher Keramik.


Kurzer Abriss zur Kirche Raperswilen

von Pfarrer G. Arnstein


Die Stiftung der Kirche bzw. Kapelle zu Rapersweilen, welche dem heiligen Nikolaus, dem Patron der Fischer und Schiffer geweiht ist, ist ins Dunkle gehüllt. Rapersweilen, wie es damals hiess, gehörte der Abtei Reichenau und hatte eine Burg, auf welcher ein Edelknecht, Dienstmann der genannten Abtei, residierte. Ein «Heinrich von Raprechtswile» wird anno 1213 als Urkundenzeuge genannt. Vielleicht hat dieser Dienstmann die Kapelle gestiftet, in welcher fortan die Pfarrherren von Homburg die Messe hielten. Anno 1528 trat Hans Füllemann, Pfarrer von Homburg, zur Reformation über. Gleichzeitig wurde nun auch die Gemeinde Raperswilen evangelisch und besuchte die Gottesdienste in Homburg. Die des Altars und ihrer Zierde beraubte Kapelle wurde noch als Wagenschuppen benützt, bis die regierenden Orte auf das Verlangen der Abtei Reichenau die Gemeinde mahnten, das Kirchlein in Ehren zu halten.
Hans Füllemann wurde im Kappeler Krieg anno 1531 bei dem nächtlichen Uberfall auf dem Gubel in Zug erschlagen. Sein evangelischer Nachfolger, Hans Kihm, pastorierte die Gemeinde Homburg-Raperswilen bis 1537. Schon vor diesem Jahr hatte der Gerichtsherr von Homburg, Nikolaus Friedrich von Heidenheim auf Klingenberg, die Wiedereinführung der Messe in der Kirche Homburg durchgesetzt und wirkte nun mit Erfolg, dass sich Homburg wieder dem Katholizismus zuwandte, indem er 1540 einen unwürdigen evangelischen Geistlichen auf die Pfründe setzte. Homburg wurde 1555 beinahe vollständig katholisch.
Den Evangelisten wurde die Kapelle zu Raperswilen zur Benützung zugewiesen (1566). Von dieser Zeit an predigte der Pfarrer von Wigoltingen jeden zweiten Sonntag auch in Raperswilen. An den anderen Sonntagen funktionierte seit 1661 daselbst der Pfarrer von Lipperswil. Eigentlich gehörte Raperswilen zum oberen Kirchspiel von Wigoltingen und ist heute noch Filiale dieser Kirchgemeinde.


Neubau der Kirche Raperswilen


Im Jahre 1766 wurde die alte Kapelle, welche einzustürzen drohte, abgebrochen und an derer Stelle die heutige Kirche erbaut.
Dieser Bau war nicht so ohne weiteres möglich, denn es fehlte an Geld. Hans Jakob Herzog von Büren (Kirchenpfleger) war die treibende Kraft. Er lieh auch das Geld auf Vorschuss. Die Bürger taten sich zusammen und beschlossen, den Bau möglichst in Frondienst zu erstellen. Ein Plan wurde erstellt. Die Bauern führten mit ihren Pferden und Wagen Kies, Sand, Kalk, Ziegelsteine und Holz herbei. Die Handwerker, wie Maurer und Zimmermann, gaben Anleitung, und es fing ein emsiges Werken an. Die Stühle der alten Kapelle wurden für 994 Franken verkauft. Eine Sammelaktion brachte 422 Franken ein. Zusammen mit dem Steuergeld von 722 Franken ergab dies eine Summe von 2138 Franken. Schon am 17. August 1766 konnte die Kirche eingeweiht werden. Dekan Kilchsberger predigte über Lukas 19.46.
(Frau Emmi Gasser, Schullehrerin in Raperswilen, hat darüber mit grossem Zeitaufwand ein vielbeachtetes Theater geschrieben, welches sie mit ihren Schülerinnen und Schülern zweimal aufführte).
Anno 1798 gestattete das helvetische Direktorium die Einrichtung eines Friedhofes in Raperswilen.
Der Kirchturm der Kirche Raperswilen brannte am 28./29. Juli 1869 durch einen Blitzschlag ab und musste neu erstellt werden.
1888 wurde der Turmhelm mit einer Zinkbedachung versehen, der Turmstock mit demselben Material eingefasst



und ein Futterdach über der Kirche errichtet. An Stelle der früheren Bretterdecke wurde eine Gipsdecke mit Fries und Rosette erstellt. Gleichzeitig wurden die hölzernen Uhrentafeln durch eiserne ersetzt und die Turmkugel neu vergoldet. Bei dieser Gelegenheit wurde dieses Dokument in die Kugel gelegt:
«Diese Reparaturen kosteten 2500 Franken. Gott erhalte dieses sein Haus und mache es zum Hort des Segens und des Friedens für die Gemeinde. Im Auftrag der Pflegekommission Raperswilen, niedergeschrieben von Pfarrer G. Amstein.»


Renovationen der Kirche in neuerer Zeit



Im Jahre 1925 folgte eine Innenrenovation, die 10786 Franken kostete. Das Äussere der Kirche wurde 1933 erneuert. Im Jahre 1949 erwarb die Gemeinde eine Orgel von der Firma Metzler, utnd im gleichen Jahr fand die Gründungsversammlung des Kirchenchors statt. 1950 stifteten die Erben des in St. Gallen verstorbenen Bürgers Adolf Fröhlich das von Kunstmaler Willi Fries geschaffene bunte Weihnachtsfenster. Die letzte umfassende Renovation der Kirche im Jahre 1965 wurde vom Architekten W. Burger aus Frauenfeld geleitet.
So wurde die Kanzel herabgesetzt, der überschwere Emporen Vorsprung abgebrochen, die Orgel versetzt und die Kirchenbänke gegen die Mitte zusammengerückt. Ein neuer Plattenboden wurde verlegt, eine neue Holzdecke eingebaut sowie eine elektrische Heizung installiert. Man erstellte einen Vorraum mit Pfarrzimmer und deckte den Turm mit Kupfer ein. All diese Arbeiten kosteten schlussendlich 180000 Franken. In die neu vergoldete Turmkugel wurden alte und neue Dokumente eingelegt.
Anlässlich der Einweihung konnte der damalige Kirchenpräsident Hans Grimm von zahlreichen Spenden berichten. So erhielt man von den Zürcher Ziegeleien 6000 Franken zu Gunsten der schönen Decke. Ein Basar brachte 8282 Franken ein. Der Kirchenrat zahlte 5000 Franken, während der Heimatschutz weitere 2005 Franken beisteuerte. Den Spruch an der Innenwand «Sei Täter des Wortes und nicht Hörer allein» wurde von der Kirchgemeinde Homburg mit einem Betrag von 1500 Franken spendiert.
1975 eröffnete das Notariat Frauenfeld ein Testament, in welchem Herr und Frau Stutz in Frauenfeld die Kirchgemeinde Raperswilen als Universalerbin für ihr Haus in Frauenfeld und zwei Hektaren Wald in Büren einsetzte.
Für 4000 Franken erstand man 1978 eine Quarzuhr von der Firma Mäder in Andelfingen. Die farbigen Kirchenfenster des bekannten Kunstmalers Willi Härtung aus Wigoltingen wurden im Jahre 1983 eingebaut.


George Treherne, ein Engländer,

sucht sich einen schönen Platz

mit guter Fernsicht, um darauf einen

Herrschaftssitz zu bauen


Wie aus dem Sonntagsblatt der Thurgauer Zeitung von, 1897 zu entnehmen ist, bestand der Weiler Müllberg vor 1850 aus zwei grossen Bauernhöfen. Aus denselben, die in der Familie Buchenhorner sich vom Vater auf den Sohn vererbten, gingen wackere Bauern hervor, die mit unermüdlichem Fleiss die heimatliche Scholle bebauend, es zu ziemlichem Wohlstand brachten und daher eine angesehene Stelle einnahmen. Pfarrer Amsteins «Geschichte von Wigoltingen» führte u. a. auch einen Heinrich Buchenhorner von Müllberg an, der als einer der Hauptbeteiligten am sogenannten «Wigoltinger Handel» auf hundert und ein Jahr auf die Galeeren condemniert wurde.
Es war nach 1850, als manchmal eine Herrschaftskutschedie Leute nannten sie Harderkutsche durch Raperswilen und über den Seerücken in die Weiler hinaus fuhr. Es war die Kutsche des George Treherne, welcher im Schloss Hard in Ermatingen wohnte. Dieses Anwesen hatte er 1848 von einem verstorbenen Engländer erworben. Er liess das Schloss schön renovieren und einen prächtigen Park anlegen, so dass es einem Fürstenhof glich. Im Jahre 1851 kaufte Treherne auch noch das sogenannte neuere Schloss Wolfsberg, in welchem er für kurze Zeit eine Kaltwasser-Heilanstalt betrieb. Nachdem das Unternehmen aber erfolglos blieb, wurde der Betrieb eingestellt, und Treherne verkaufte den Wolfsberg 1862 an einen Berner Bauern. Nun suchte er sich einen Platz mit schöner Aussicht, um darauf ein «Schloss» zu bauen. Es war die Zeit, wo ein wachsendes Interesse für Aussichtspunkte und Fernsicht bestand.


Der Turm Belvedere auf Hohenrain



Auf Hohenrain muss vor dem Frühling 1829 bereits ein hoher, besteigbarer Baum gestanden haben. Im März dieses Jahres bestand schon das Projekt, mit Hilfe von Aktien einen Turm zu bauen. Es scheint, dass der damals auf Arenenberg wohnende Prinz Louis Napoleon, der spätere Kaiser Napoleon IIL im jugendlichen Alter von rund 20 Jahren die treibende Kraft zu dessen Erstellung gewesen war.
Am 26. April 1829 begaben sich die Landammänner Anderwert und Morell samt den Kleinräten Hirzel und Freienmuth mit H. Greuter selbst nach Ermatingen, um den Bau zu besprechen. Es wurde eine Aktiengesellschaft mit 650 Gulden Kapital, jede Aktie zu 25 Gulden, gegründet. Das reichte natürlich nicht für das ursprüngliche Projekt von 76 Fuss Höhe, welches von Freienmuth auf 1600 Gulden veranschlagt wurde. Der Zimmermann Peter von Egelshofen bei Altenklingen war jedoch bereit, einen Turm für das vorhandene Kapital zu errichten. Am 4. August war er bereits aufgerichtet, und am 7.September wurde er in der Turmstube mit einer Aktionärsversammlung, die eine Kostenüberschreitung von 200 Gulden genehmigte, eingeweiht.
Das «Belvedere», wie der Turm fortan hiess, fand regen Zuspruch von Besuchern, die sechs Kreuzer Eintritt bezahlen mussten. Auf dem Turm wurde ein Fernrohr installiert. Die Aussicht wurde von J. A. Pupikofer in seiner Beschreibung des Thurgaus ausführlich beschrieben, und der Verleger F. Pecht in Konstanz gab schon 1831 ein farbiges Panorama heraus. Dank der Tatsache, dass der Aussichtsturm als «Lustgebäude» brandversichert war, blieb sein genaues Ende feststellbar.


Der Turm Belvedere auf Hohenrain bei Wäldi. 1829 gebaut und 1855 abgebrochen

Der Turm wurde 1850 von George Treherne erworben. Nach mündlicher Überlieferung verunmöglichten die Eigentümer des Bodens diesem Engländer, auf Hohenrain zu bauen, worauf sich Treherne entschloss, in Müllberg einen Herrschaftssitz zu erstellen und den Turm 1855 abzubrechen.


Schloss Müllberg wird gebaut



Die Abgeschiedenheit und Ruhe von Müllberg nahm ein Ende, als George Treherne am 19. September 1854 den einen Bauernhof von Daniel Rotgerber durch Kauf erwarb. Kurze Zeit später erstand der Edelmann auch die östlich gelegene Nachbarliegenschaft von Alt-Gemeindeammann Gottfried Buechenhorner, so dass sich sein Eigentum auf 111 Jucharten Kulturland, 70 Jucharten Wald und drei Jucharten Reben erhöhte. Beide Liegenschaften sollen 240000 Franken gekostet haben. Wie im Sonntagsblatt der Thurgauer Zeitung von 1897 ersichtlich war, liess Treherne noch 1854 südlich des bestehenden Bauernhauses einen langgestreckten Holzbau im englischen Stil mit Zackenverzierungen und einem etwa 20 Meter hohen Turm errichten. Die Sonderbarkeiten dieses Mannes, die im Volksmund noch lange fortlebten, brachten nicht unerheblichen Verdienst in die Gegend. Ein kleines Heer von Arbeitern und Handwerkern zog in den abgeschiedenen Erdenwinke und es begann ein Leben und Treiben, dass die alten Tannen ob diesem bunten Allerlei wohl die Köpfe schütteln mochten.
Auch ein Heinrich Gremlich vom Sonnenberg, er war Zimmermann, wurde für den Bau aufgeboten. Er musste mit seinem Bruder aber zuerst einen vierwöchigen Kurs in Brugg absolvieren. Die Handwerksleute arbeiteten zwölf Stunden im Tag zu 20 Rappen, so dass sich ein Taglohn von Fr. 2.40 ergab.
Ein schöner Wald nahe am Herrschaftsgebäude wurde in einen ausgedehnten Park nach englischem Muster umgewandelt. Ein weiterer Teil des Waldes wurde geschlagen, mächtige Eichen und Birnbäume gefällt und die so gewonnene Fläche nach den Ideen Trehernes in Acker- und Wiesland umgewandelt. Es wurde eine Landwirtschaft eingerichtet, die viel Geld verschlang, aber wenig eintrug. Darnach fragte der reiche Sonderling nicht viel, vorausgesetzt, es wurde strikte nach seinen oft fast unausführbaren Befehlen gehandelt.
Gefiel ihm ein Teil des Schlossbaus, den er mit Interesse verfolgte nicht, so hiess es, dies entspricht nicht meinen Vorstellungen, das muss wieder abgerissen und neu aufgebaut werden. Wie Urgrossvater Alfred Burgermeister, Wirt zum «Central», erzählte, liess Treherne den Turm dreimal wieder abreissen und neu aufbauen, bis er ihm gefiel. Der Turm trennte das eigentliche Schloss vom Herrschaftssitz. Beides zusammen wurde fortan als Schloss bezeichnet.
Eine Turmuhr gab dem Gut die Zeit an. Auf dem Turm des Schlosses liess er ein Fernrohr auf drehbarem Gestell errichten, davor eine Orientierungstafel. Bei klarem Wetter sichtete man den herrlichen Alpenkranz vom Tirol bis ins Jungfraugebiet. Wie das unten abgebildete Panoramabild von A. Imfeld zeigt, liess George Treherne neben seinem Pavillon im Garten einen Brunnen springen und weiter unten einen grossen Teich ausheben, wo die Wasservögel sich tummelten. Das Seelein wurde auch mit einem Nachen und Gondeln versehen. So konnte man auf dem Seerücken Schiffli fahren und den Schwänen und Störchen zusehen.
Herr Treherne liess wie bereits im Schloss Hard einen viel bestaunten Park anlegen und pflanzte auch auf dem Müllberg einheimische und exotische Bäume und Sträucher, um so den Park zu erweitern und zu verschönern. Zu beiden Seiten der von Raperswilen nach Müllberg führenden Zufahrtsstrasse liess er eine Allee mit Linden-, Nuss- und Kastanienbäumen pflanzen, eine Linde steht heute noch.
Wie gesagt, die Tüchtigkeit des Mannes wurde zu einer Quelle lohnender Beschäftigungen für die ganze Umgebung. Wiesen und Acker wurden in vielen Leitungen mit Tonröhren abdrainiert. Über Felder wurden Obstbaumalleen gepflanzt, und in den ausgedehnten Wäldern und Tobeln wurden in Handarbeit Strassen angelegt, welche mit Kutschen befahrbar waren.
George Treherne stand in dieser Zeit im besten Alter und hatte sich als fortschrittlicher Landwirt erwiesen. Er verwendete als erster in der Gegend nebst dem natürlichen Dungmittel auch Kunstdünger für seine Felder. Nach Aussagen der damaligen Ermatinger Lokalhistoriker, Jakob Meier und Jakob Engeli, sie kannten Treherne noch persönlich, soll er ein grosser, exzentrischer Herr mit einer tiefen Stimme gewesen sein.


Schloss Müllberg. Ausschnitt aus dem Panorama von A . Imfeid

Treherne war zudem ein Freund des Gesanges. Als solchem brachten ihm die Ermatinger alljährlich ein Ständchen zum Geburtstag, worauf sie jeweils gut bewirtet wurden. Demgemäss war das Verhältnis Trehernes zu Ermatingen ein gutes, so dass ihm die Gemeinde das Ehrenbürgerrecht schenkte. Nachdem aber dieselbe Versammlung Anfang der 1860er Jahre seinem Angebot, welches im Zusammenhang mit der Verlegung der Strasse Ermatingen-Wolfsberg stand, widersprach ,wurde er verstimmt und verkaufte im Mai 1867 Schloss und Gut Hard an den Winterthurer Grossindustriellen Theodor Ziegler.


Wie George Treherne das Leben

in Raperswilen mitprägt



Nun bezog der Engländer definitiv sein Schloss Müllberg. Auch in der Gemeinde Raperswilen scheint Treherne ein gutes Verhältnis zu den Behörden und zur Bevölkerung
gehabt zu haben. Als 1862 das Stationsgebäude Müllheim-Wigoltingen ausgebaut und erweitert wurde, zahlte der Engländer nach Pfarrer Amsteins Mitteilung 1200 Franken daran. Zu dieser Zeit wurde die Post zweimal täglich zu Fuss durch den Posthalter von Raperswilen auf der Station abgeholt. Später setzte man eine zweispännige Postkutsche ein.
1863 erstellte Treherne einen Alarmtelegrafen, der zunächst nur zur Anzeige von Feuergefahr in der Gemeinde Raperswilen diente, aber schon 1864 in Verbindung mit dem eidgenössischen Netz in Ermatingen gebracht wurde. Als sich die Kirchgemeinde selbständig machen wollte, versprach Treherne eine beträchtliche Summe Geld, wenn das Vorhaben gelinge. In den Abtrennungsfragen von Wigoltingen kam man zu keinem Ziele. Deshalb betrachteten es viele als eine Strafe, als ein furchtbarer Blitzschlag in der Nacht vom 28. auf den 29. Juli 1869 den Kirchturm, die Turmuhr, das Schlagwerk und die Treppe stark beschädigte. Mächtig rasselten in dieser Nacht die Glocken des Alarmtelegrafen.
Das Sonntagsblatt der Thurgauer Zeitung berichtete auch über Trehernes Gastfreundschaft. Viele Freunde und Gäste, die auf seinem Landsitz Erholung suchten, brachten Leben in die Stille und beschäftigten eine zahlreiche Dienerschaft. Auch Gelehrte fanden bei ihm gute Aufnahme, so zum Beispiel der geistvolle Moleschott, der viele Wochen auf dem Schloss weilte und dem interessante Untersuchungen oblagen.
An schönen Tagen führte Treherne seine Gäste auf den Turm, um ihnen die herrliche Aussicht zu zeigen. Von hier aus erschloss der Blick noch das Tal und besonders an klaren Föhn- und Herbsttagen den gesamten Alpenkranz. Diese Aussicht suchte seinesgleichen. Das Schloss selbst enthielt alle Räume, die zu einem komfortablen Leben erforderlich waren. Eine ausgedehnte Gärtnerei sorgte stets für Blumenschmuck. Die grosse Bibliothek zeugte von Trehernes geistigem Interesse.
Der häufige Besuch Unbefugter veranlasste den geplagten Engländer, sein grosses Gut mit einem etwa zwei Meter hohen Eisenzaun einzuzäunen. Dieser Zaun erstreckte sich durch zwei romantische Tobel, über Bäche und Schluchten und wurde lange Jahre instand gehalten. Das Tor stand beim heutigen Friedhof von Raperswilen. Längst ist diese Umzäunung gänzlich verfallen. Als Knabe mag ich mich jedoch erinnern, dass in einem Tobel noch ein paar Meter des verrosteten Zaunes aus dem Boden ragten.
Trotz all seinen Schrullen war George Treherne ein edel denkender Mann, dessen Freigebigkeit namentlich die Gemeinde Raperswilen profitieren liess, besonders im Strassen und Schulwesen. Nach Aussagen von Urgrossvater Alfred Burgermeister liess Treherne über den Gschmellbach zwischen Wiel und Illhart eine Brücke bauen. Vorher soll die Strasse fast direkt über den Bach geführt haben. In neuerer Zeit wurde die Brücke erhöht und verbreitert.
Wenn ein Besucher des Schlosses vom Dorf Raperswilen dem Müllberg zustrebte, nahm ihn eine zehn Minuten lange Allee auf, die an ihrem Ausgang den Blick auf die landwirtschaftlichen Gebäude öffnete. Damals verschloss ein Tor die Annäherung an die Gebäude. Besonders Begünstigten öffnete es der Gärtner oder dessen Frau, die in einem niedlichen Wächterhaus nebenan wohnten. Zuerst erreichte man die landwirtschaftlichen Gebäude, welche durch einen Neubau ergänzt wurden. Eines der ursprünglichen Bauernhäuser stand noch lange. Ich mag mich noch erinnern, als es ungefähr 1928 abgetragen und an dessen Stelle eine Schweinestallung errichtet wurde. Die ursprünglichen Ställe beherbergten eine stattliche Anzahl von Milchkühen, und die Güter, die durch einen tüchtigen Landwirt in guten Zustand gebracht wurden, warfen einen schönen Ertrag ab.
Lange Jahre weilte George Treherne im Sommer selbst im Müllberg. Er genoss das Leben eines Landlords und liebte seine Pferde. llla Tanner weiss in ihrem Büchlein «Im Dorf auf dem Seerücken» eine lustige Geschichte zu erzählen: «Einmal gewann Trehernes Lieblingspferd bei einem Rennen einen Preis. Er war so glücklich und stolz, dass er nicht wusste, wie er seinem Pferd danken sollte. Im Freudentaumel und beduselt vom Siegestrunk führte er das Tier durch den Garten, stiess die Glastür zum Salon auf und zog das sich sträubende Pferd über die Schwelle. M i t den Hufen trat es Löcher in den Parkett, aber sein Herr zog es weiter über den dicken Teppich. Erst vor dem Sofa machte er halt, und auf dieses Sofa sollte sich das Pferd nun setzen. Als er es wieder herauszog, hatte es unaustilgbare Spuren auf dem Seidenrips hinterlassen. Kurz vor der Tür glitt es aus und stiess an ein Tischchen, so dass dieses zu Boden krachte».
1867 wurde Treherne Vater eines Sohnes, von dem aber nichts Näheres zu erfahren ist. Er besass aber noch eine Tochter namens Naninde, die er im Schloss Hard durch den Theologen J. Christinger erziehen liess. Naninde soll viel mit einem Wägelchen, gezogen von zwei Ponys, in der Gegend herum gefahren sein. Die Tochter verheiratete sich später.


Allzufrüh legt sich Trauer

auf das Schloss



Im Jahr 1871 starb Trehernes Gattin Julia Geier an der Geburt eines Knaben, der ebenfalls nicht überlebte. Julia Geier wurde mit ihrem zwei Tage alten Knäblein im Januar auf dem Friedhof Raperswilen in einer Familiengruft, in einem Zweisärgekasten bestattet. Ein Jahr später bewilligte die Kirchgemeinde Herrn Treherne, welcher schon viele Opfer zu wohltätigen Zwecken gespendet hatte, auf dem Gottesacker ein in solider Steinarbeit ausgeführtes Mausoleum für seine sehge Frau errichten zu lassen. In der Folge schenkte er der Gemeinde 500 Franken, welche von der Pflegekommission dem Schulfonds einverleibt wurde. Kurze Zeit nachher wurde Treherne selbst Mitglied der Pflegekommission, und als solcher liess er 1874, mit Zustimmung der Gemeinde, auf seine eigenen Kosten den Gottesacker verebnen, die Kirchhofmauern ausbessern und auf der Nordseite Mauer und Geländer anbringen.
Aber auch Treherne selbst wurde bald von einem körperlichen Leiden befallen, das ihn zwang, 1876 nach Italien zu ziehen. Nach längerer Leidenszeit starb er am 17. März 1878 in Pisa. Er wurde am 4. November 1809 in Wales (England) geboren. Der Verstorbene wurde am 26. März 1878 auf seinen Wunsch in seiner Familiengruft auf dem hiesigen Friedhof beigesetzt.
Die Gruft enthält heute zwei Bleisärge mit einbalsamierten Leichen. Darüber stand bis 1950 ein Mausoleum, das einer Kapelle glich. Im Innern konnte man eine Platte abheben und sah so auf die Bleisärge hinunter. Über der Tür befand sich das Familienwappen, und das Dach war mit einem Steinernen Kreuz geziert.


Die Familiengruft auf dem Friedhof Raperswilen, auch Kapelle oder Mausoleum genannt, wurde 1950 abgebrochen. Die restaurierte Grabplatte zum Gedenken der Familie Treherne wurde 1976 an der Südseite der Kirche Raperswilen angebracht.

Bis etwa 1930 wurde das Grab von einer Gräfin und einem jungen Mann hie und da besucht. Seither kümmerten sich keine Nachkommen mehr dafür. Darum brach man, als der Friedhof um die Kirche aufgehoben wurde, auch die kleine Kapelle, die am Zerfallen war, ab und deckte die Gruft zu. Heute erinnert nur noch eine Marmortafel, die an der Südwand der Kirche angebracht ist, mit der Inschrift der drei Namen an die Familie Treherne. Es ist zu hoffen, dass das Grabdenkmal in Ehren gehalten wird, ist es doch das einzige, was von all der Pracht des Schlosses Müllberg und der Familie Treherne gebheben ist.


George Treherne

verkauft sein Schloss



Noch bevor Treherne krankheitshalber nach Italien zog, verkaufte er das ganze Gut Müllberg samt Schloss zum Preis von 240000 Franken an einen J. Rüegg-Blass aus Zürich, der aber wieder viel zu früh für seine Familie und Umgebung starb. Seine Witwe, eine hochgebildete Dame, behielt dann das Schloss noch viele Jahre und hielt auch an der überlieferten Wohltätigkeit und Menschenfreundlichkeit fest.
1886 wurde dann das Schloss von J. Rüegg an Witwe Rüegg für 93000 Franken verschrieben. Sie verbrachte namentlich im Sommer noch einige Jahre mit ihren Nächsten auf dem Schloss. Aber auch die Zürcher wurden mit der Zeit des Lebens auf dem einsamen und abgelegenen Gut überdrüssig.
Witwe Rüegg und ihre Tochter Elsa Rüegg verkauften schliesslich das gesamte Anwesen am 2. Februar 1891 zum Preis von 180000 Franken an Johann Joos-Müller in Gemeinde Bodnegg im Oberamt Ravensburg. Durch diesen Kauf in ciie Hände von Güterhändlern gelangt, lief der schöne Besitz Gefahr, zerstückelt zu werden. Das Schloss blieb einige Zeit unbewohnt, dafür wurde der stattliche Wald angenagt. Unzählige Festmeter von Sag- und Brennholz wurden abgeführt. Wie der damalige Wirt des «Central» aussagte, habe er in dieser Zeit nie Brennholz kaufen müssen. Das Schloss mit etwas Kulturland wurde nun der Gemeinde Raperswilen für 50000 Franken offeriert. Die Bürger lehnten das Angebot aber ab.


Rascher Besitzerwechsel



Von da an vollzog sich ein rascher Besitzerwechsel, denn schon am 22. Mai des gleichen Jahres verkaufte Joos die Liegenschaft zum Preis von 198 000 Franken inklusive lebendem und totem Inventar an Gottlieb Baumgartner, einem Berner Bauern aus Münsingen. Bereits am 13. Oktober 1891 ging das Schloss mit einer Stallung, Gewächshaus, Wächterhaus, Holzschopf und 2,17 Hektaren Parkanlage bzw. 676 Aren Gemüsegarten an den Privatier Otto Carpentier von Zürich über. Nach wie vor war aber Gottlieb Baumgartner der Besitzer des übrigen landwirtschaftlich genutzten Teils des Gutes.


Madame Theresia Drucker

geborene Temme von Dresden



Am 28. November 1893 erwarb Theresia Drucker das Schloss mit Park und Umgelände für 60000 Franken von Otto Carpentier. Am 8. Oktober 1894 verkaufte auch Gottlieb Baumgartner seinen Teil Landwirtschaft samt Gebäuden für 130000 Franken, so dass alles wieder in einer Hand war. Bevor Theresia Drucker auf den Müllberg zog, wurde ihr Mann in Dresden ermordet. Sie soll in der Gemeinde sehr behebt gewesen sein. Die Parkanlage wurde immer sehr gut gepflegt. Die Leute vom Dorf erzählten, dass die noble Dame öfters mit ihrer zweispännigen Chaise rund um das ganz von Wald umsäumte Gut gefahren sei, um nach dem Rechten zu sehen. D ie Dame holländischer Abstammung muss sehr wohlhabend gewesen sein. In ihren Händen gab es nochmals ein Aufleben der ehemaligen Schlossherrlichkeit.
Madame Drucker, wie man sie nannte, hatte aber zwei Söhne, die viel Unfug trieben und ihr das Geld verprassten. Sie war im Restaurant «Central» ein gern gesehener Gast, darum wusste der Wirt auch viel von ihr zu erzählen.
Von ihren beiden Söhnen, deren Vornamen nicht mehr bekannt sind, wurden lustige Anekdoten erzählt. Der eine soll bei Ermatingen auf dem Untersee ein eigenes Schiff betrieben haben, mit dem er Vergnügungsfahrten unternahm. Einmal soll er auf der Eisenbahnstation Müllheim-Wigoltingen dem Heizer der Lokomotive angeboten haben, vom Hasli bis Romanshorn den Heizkessel mit Kohle beschicken zu dürfen. Dies wurde ihm erlaubt, und er bezahlte dafür 500 Franken. Nachher rühmte er sich, wie er Kohle reingeschmissen habe und zum Schwitzen gekommen sei. Der Zug sei aber noch nie so schnell gefahren. Der andere Sohn hatte Freude an seinem Pferd. Er ritt viel querfeldein den Bauern durch die Weizenfelder, kam aber immer für den Schaden auf. Einmal ritt er mit seinem Pferd in vollem Galopp nach Weinfelden, wo es schweissgebadet ankam. Dort wurde er von der Polizei angehalten, welche ihm eine Busse von 20 Franken aufbrummte. Aber er bezahlte das Doppelte mit den Worten: «So wie ich reingefahren bin, so fahre ich wieder hinaus». Ein andermal hatte er mit einem Gast des «Central» eine Wette abgemacht, wer schneller im Schloss sei,er mit dem Pferd oder der Gast mit dem Fahrrad. Der Reiter startete beim «Central», und der Gast durfte sich mit dem Fahrrad beim Eingangstor neben dem heutigen Friedhof aufstellen. Mit einem Horn wurde der Start ausgelöst. Der Reiter war längst vor dem Radfahrer beim Schloss.


Prinzessin Alexandra von Isenburg



Theresia Drucker verkaufte das Gut Müllberg mit dem Schloss am 17. April 1903 für 475000 Franken an die deutsche Prinzessin Alexandra von Isenburg und Büdingen. Schon kurz vor dem Kauf hatte die damals zweimal geschiedene Prinzessin das «Hotel du Lac» und die Kuranstalt Bad Uttwil erworben. Dort besass sie auch das Niederlassungsrecht. Wer nun glaubte, das schöne Herrschaftsgut werde in fürstlichen Händen erneut einer gedeihlichen Entwicklung entgegengehen, wurde arg getäuscht. Die Prinzessin, die sich nur zeitweise im Schloss aufhielt, wurde als eine grosse, imponierende, aber sehr rechthaberische,ja sogar arrogante Persönlichkeit beschrieben, welche mit lockeren Sitten behaftet war. Sie galt als streitbar und prozesslustig, so dass sie während ihres kurzen Aufenthaltes im Thurgau die Gerichte und Anwälte zu beschäftigen wusste. Diese waren froh, als sie nach selbstverschuldetem Misserfolg das Weite suchte. Der Kauf des Schlossgutes Müllberg war von Anfang an ein Objekt des Streites, der schlussendlich zum Konkurs führte. In dieser kurzen Zeit ging es wieder abwärts.
Der früher so gepflegte Park verwilderte. Üppiges Gerank überzog Mauern und Fenster mit dichtem Grün. Drinnen wohnten die Motten sowie die widrige Stickluft unbewohnter und ungelüfteter Räume. Als an dem Märchenschloss wieder einmal die Läden aufgingen, war dieses für eine Auktion reif. Antiquitätenhändler ergriffen d ie Gelegenheit und schleppten von dem einst reichen Hausrat fort, was ihnen in den Kram passte.
In dieser Zeit muss auch das grosse Doppelwohnhaus (heute Bindschedler-Keller) gebaut worden sein. Die beiden zusammengebauten Hausteile wurden Morgenseite und Abendseite genannt. Auf der Morgenseite wurde ein hoher heizbarer Raum eingebaut, welcher durchgehend befahrbar war. In dieser Halle wurden die exotischen Pflanzen des Schlosses überwintert.


Müllberg samt Schloss

gehen an Jakob Siegfried über



Wie aus dem Thurgauer Jahrbuch 1979 zu entnehmen ist, kaufte am 22.Juni 1905 Jakob Siegfried, Fuhrhalter im Lindenhof in Frauenfeld, den Müllberg samt Schloss. Das Gut wurde dann zwischen dem Vater und seinen beiden Söhnen geteilt, so dass wieder zwei Gutsbetriebe bestanden. Jakob Siegfried Junior eröffnete 1905 im Schloss eine Luftkuranstalt und 1908 ein Restaurant. Vorgängig hatte er den Park und das Schloss mit seinen zahlreichen Räumen wieder in Ordnung bringen lassen. Viel Inventar wurde ersetzt. Zeitweise beherbergte er über 20 Pensionäre. Grosser Betrieb herrschte namentlich an Sonntagen, die zu Ausflügen verlockten und der Ort von vielen Vereinen besucht wurde. Auch von Touristen und Spaziergängern wurde das Schloss, das jetzt wieder einen guten Ruf genoss, erwandert. Zusammen mit Carl Bürgi, dem Eigentümer des Hotel Pension Schloss Wolfsberg, markierte Siegfried einen Fussweg, welcher vom Müllberg alles durch den Wald bis zum Wolfsberg führte.
Von 1909 an gab es alljährlich einen neuen Schlossbesitzer. Zuerst ging es von Jakob Siegfried an Johann Siegfried und 1911 von Johann Siegfried an Höppli & Cons. über. 1912 wechselte der Besitz zu Friedrich Schneider und Friedrich Spichiger. Im Schloss lief nicht mehr so viel, und im Restaurant gab es Gäste, die nicht einmal mehr ihre Zeche bezahlten. Einzig die beiden Gutsbetriebe wirtschafteten gut. Am I. Oktober 1912 ist der westliche Gutsbetrieb mit dem neuen Wohnhausteil (genannt Abendseite) von Rudolf Egli und Eduard Furrer an die Gebrüder Fritz und Hans Liechti von Heimenschwand verschrieben worden. Die Nachbarliegenschaft ging ebenfalls 1912 samt dazugehörendem Wohnhausteil (Morgenseite) an die Gebrüder Keller, eine Bauernfamilie aus Signau, über.



Das grosse Doppelwohnhaus Bindschedler-Keller heute nach fast 100 Jahren


Das Schloss Müllberg

brennt vollständig nieder



Am 13. Oktober 1914, kurz nach Ausbruch des ersten Weltkrieges, brannte das Schloss Müllberg nieder. Die Thurgauer Zeitung widmete anderntags dem Brand folgende Zeilen: «Die Insassen der Abendzüge, die zu diesem Zeitpunkt im Thurtal verkehrten, bemerkten gestern oberhalb Müllheim ein starkes Schadenfeuer. Bald darauf vernahm man auch hier in Frauenfeld, dass das als stattlicher Herrschaftssitz weitherum bekannte Schloss Müllberg in Flammen stand. Das Feuer soll aus bis anhin noch ungeklärter Ursache im Badezimmer ausgebrochen sein und habe sich mit unglaublicher Geschwindigkeit auf das ganze Hauptgebäude ausgedehnt. Von dem sehr reichhaltigen zu 30000 Franken brandversicherten Mobiliar konnte nur ein kleiner Teil gerettet werden. Grosse Mühe kostete es die herbeigeeilten Feuerwehren von Raperswilen und lllhart, die in unmittelbarer Nähe befindliche Scheune mit Stallung zu retten. Die bereits alarmierte Feuerwehr von Homburg wurde wieder abbestellt, da sich Wassermangel einstellte. Ein Besitztum mit sehr wechselvollem Schicksal hatte so ein trauriges Ende gefunden. Laut Bericht des Bezirksamtes konnte der Brand infolge Überheizung eines eisernen Badeofens ausbrechen.»
Das Schlossgebäude war nur mit 46000 Franken brandversichert. Schneider und Spichiger erhielten von der Brandassekuranz, abzüglich 6440 Franken Brandüberreste, noch 39560 Franken ausbezahlt und erlitten somit einen grossen Schaden. Das Schloss wurde nicht mehr aufgebaut. Einzig die Kutschenremise, die nicht verbrannte, benützte man noch bis um 1950 zum Einstellen von Maschinen.


Der Waldhof




Am 1.Februar 1918 verkauften die Gebrüder Fritz und Hans Liechti den Gutsbetrieb an die Gebrüder Wegmüller, welche als gute Schwinger bekannt waren. Besonders Ernst und Hans wurden als Sieger auf dem Festplatz gefeiert. Der Schlosspark, der unterdessen den Gebrüdern Keller gehörte, wurde nach 1921 abgeholzt. Es standen so mächtige Bäume darin, dass eine Kettensäge aus Zürich angefordert werden musste, um diese zu fällen. Die Gebrüder Keller hatten schon damals eine eigene Sägerei, die mit Wasserkraft angetrieben wurde. Zwei grosse Weiher stauten das Wasser und konnten so nach Bedarf auf das Wasserrad geleitet werden. Später wurde noch eine Drescherei angeschlossen.
An Stelle des Schlosses liess Friedrich Schneider 1915 weiter unten am Waldrand von der Firma Vago im Hasli einen Bauernhof erstellen. Seine Frau soll gesagt haben, sie wolle abseits bauen, denn es brauche ihr niemand in die Pfanne zu gucken. Kies und Sand wurden an Ort und Stelle aus dem Boden entnommen und die Ziegelsteine vom Brandplatz des Schlosses geholt, gereinigt und zum Neubau hergerichtet. Diesen Bauernhof, später «Waldhof» genannt, verkaufte der damalige Besitzer am 21. Oktober 1921 an Ernst Knecht von Immenberg. Schon ein Jahr später, am 27. Oktober 1922, verkaufte letzterer die Liegenschaft an meinen Vater Albert Wenger in Poffertsmühle bei Alterswil (FR). Der letzte Schlossbesitzer, Friedrich Schneider, zog dann nach Amerika, wo er eine Farm erwarb. In den dreissiger Jahren kam er einmal auf den Müllberg zu Besuch und erzählte von seiner Farm, auf welcher man das Vieh ganzjährig im Freien halte.


Getreideimporteur Bindschedler

kauft Gutsbetrieb



Am 26. September 1933 verkauften die Gebrüder Wegmüller den Gutsbetrieb Müllberg an Albert Bindschedler, geboren 1874, Getreideimporteur aus Zollikon (ZH) zu einem damals hohen Preis von 300000 Franken. Zu dieser Zeit stand in seinem Wald zwischen Müllberg und Illhart noch ein Försterhaus, das früher von einer Familie Sauter bewohnt war. Später zog dann eine Familie Steiner mit vier Kmdern zu. Das Häuschen war von einer Wiese umgeben, wo sie einige Ziegen halten konnte. Sie dienten der Familie zur Versorgung mit Milch und Fleisch. Aus dem nahen, damals noch fischreichen Bach gab es ab und zu eine Abwechslung auf den Tisch. Der Vater arbeitete bei der Firma Vago, so dass sich die Familie durchschlagen konnte.
Von Müllberg aus ging ein Fussweg durch eine Baumallee südwärts in den Wald am Försterhaus vorbei und über ein Brücklein, welches den Bach überquerte, nach Illhart. Diese Verbindung wurde damals rege benützt. Das war aber Albert Bindschedler je länger desto mehr ein Dorn im Auge. Er kündete deshalb der Familie Steiner das Wohnrecht und liess das Försterhaus abbrechen. Die Familie zog 1934 nach Riedt bei Erlen. Drei Geschwister leben noch heute dort.
Alle drei Betriebe in Müllberg haben sich inzwischen auf den Sohn und wiederum auf deren Söhne vererbt. Die heutigen Besitzer sind: Bindschedler Erben Gutsverwaltung, Markus Keller und Martin Wenger. Als Gutsverwalter waren während dieser Zeit folgende Personen tätig: Alfred Amstutz, Hans Grimm, Ernst Schmid, Hans Ruch und Werner Haldemann.


Schlusswort



Die Geschichte zeigt auf, wie vergänglich alles ist;
Generationen kommen und Generationen gehen.

Hermann Wenger